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Die Schleife an Stalins Bart – Erika Riemann

Die Tat

Erika Riemann, geborene Grabe aus Mühlhausen (Thüringen), hat sich im Alter von 14 Jahren einen Mädchenstreich erlaubt. Sie malt auf einem Foto von Joseph Stalin eine Schleife an seinen Bart, „weil er so traurig aussah“. Die junge Erika hatte sich bis dahin nie für Politik interessiert und war sich keiner Schuld bewusst. Es dauert nicht lange bis zwei uniformierte Männer sie in die russische Kommandantur mitnehmen. Dort wird sie für eine Nacht im Keller eingesperrt und anschließend nach Ludwigslust gefahren. Hier wird sie ständigen Befragungen der Russen unterworfen. Immer wieder wird sie nachts geweckt und verhört. „Welche Sabotageakte habe sie geplant, wer sind ihre Verbindungsleute“… Ihr werden Dinge unterstellt, von denen sie nicht die geringste Ahnung hat. Sie wird dazu gedrängt ein russisches Schriftstück zu unterzeichnen, dann würde sie wieder ihre Freiheit erlangen. Erika hat diese Befragungen irgendwann satt und gesteht mündlich Dinge, die sie nie getan hat, nur um endlich ihre Ruhe zu bekommen. Doch genau das wird zu ihrem Verhängnis. Sie wird mit ihren inzwischen zarten 15 Jahren zu 10 Jahren Zwangsarbeit in Sibirien verurteilt und mit dem Gewehrkolben im Rücken zur Unterschrift des auf russisch geschriebenen „Geständnisses“ genötigt.

Gefangenschaft

Man transportiert sie immer wieder woanders hin. Auf ihren „Reisen“ wird sie psychisch misshandelt, von den Soldaten vorgeführt und beschämt. Das Konzentrationslager Sachsenhausen wird nach 1945 ebenfalls von russischen Soldaten weiter betrieben. Hier geht die psychische Misshandlung sogar so weit, dass sie den Frauen befehlen sich jetzt auszuziehen um eine Vergasung vorzubereiten. Es handelte sich jedoch um eine Scheinhinrichtungen. Aus den Duschen kam letztlich nur Wasser. Die psychischen Schäden aber bleiben ein Leben lang.

Freiheit

Als sie nach 8 Jahren Haft endlich wieder in Freiheit ist, muss sie erst einmal in ihrem neuen Leben zurechtkommen. Denn die Zeit danach gestaltet sich schwieriger als gedacht. Während der Gefangenschaft verlor sie ihren Geruchs- und Geschmackssinn. Da ihre Mutter aber gerne für sie kocht und immer wieder fragt, wie es ihr schmeckt, sind solch banale Fragen schnell ein Streitthema.

Erika heiratet Helmut und sie bekommen auch einen Sohn, aber so richtig glücklich ist sie mit ihrer Entscheidung nicht. Wirklich wohl fühlt sie sich nur bei den Treffen mit den ehemaligen Gefangenen. Dort kann sie mit Gleichgesinnten über das Geschehene sprechen. Ihre Familie will von alldem nicht viel hören. Erika frisst ihren Frust in sich hinein. Helmut schmeißt das Geld nur so aus dem Fenster. Am Ende hinterlässt er ihr Schulden. Sie lassen sich scheiden und Erika beschließt arbeiten zu gehen. Tagsüber als Verkäuferin und nachts als Kellnerin in einer Bar. Dort lernt sie dann auch Franz kennen. Franz wird ihr zweiter Ehemann und sie bekommen eine Tochter. Doch Franz treibt sich nachts gerne herum und hat Affären. Dennoch ist Erika ein drittes Mal schwanger. Auch Franz und seine Mutter interessieren sich nicht für Erikas Vergangenheit. Letztlich schicken sie sie sogar zu einem Psychologen. Dort kann sie zum ersten Mal frei über ihre Vergangenheit reden. Der Psychologe erklärt Franz dann, dass Erika eine „bewundernswerte psychische Stabilität besitzt und keineswegs verrückt ist“. Kurz danach folgt auch hier die Scheidung.

Erkenntnis

Erika geht nun wieder regelmäßig zu den Ehemaligen-Treffen. Es tut ihr gut, über all das mit Gleichgesinnten sprechen zu können. Ihr Zustand verbessert sich dadurch.

Selbst nach ihrer Gefangenschaft ist ihr Leben alles andere als einfach. Wie lässt es sich mit solch einem Schicksal leben? Kann man die Vergangenheit einfach hinter sich lassen? Nein, das kann man nicht. Irgendwann bekommt sie Besuch einer jungen Autorin, die Erikas Geschichte als Buch veröffentlichen möchte. Und endlich bekommt Erika genau das, was sie sich ein Leben lang gewünscht hat. Man hört ihr zu. Sie findet Gehör für ihre Zeit in der Gefangenschaft und erzählt davon.

Diese Geschichte ist mir unglaublich nahe gegangen. Das ganze Buch ist nach einer wahren Lebensgeschichte verfasst. Kann man sich das vorstellen? Können sich die jungen Menschen heutzutage wirklich vorstellen, wie schrecklich diese Zeit gewesen sein muss? Ganz ehrlich: Ich kann es nicht und bin tatsächlich froh darüber, in einer Zeit aufgewachsen zu sein, in der das der Vergangenheit angehört. Für mich ist das ganze Geschehen eher unwirklich. In meinem Kopf spielt sich das wie ein Film ab. Es fällt mir schwer zu glauben, dass die Geschichte der Wahrheit entspricht. Dass Menschen anderen Menschen so viel Leid zufügen und daran auch noch Spaß haben. Was für eine schreckliche Zeit. Umso besser, dass es Menschen wie Erika gibt. Menschen, die der Welt die Wahrheit erzählen. Menschen, die die Wahrheit nicht unter den Teppich kehren.

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